Einmarsch der Napoleonischen Truppen

Resolution, welche 19 Bürger von Weidenbach nach dem Einmarsch der Napoleonischen Truppen in das Rheinland nicht unterzeichneten:

Recevez, citoyens législateurs, pères et représentans d'un peuple aussi glorieux que la nation franÔø‡aise, laquelle était la première, qui a commencé avec des efforts sans exemple a faire rentrer l'homme dans l'etat de la liberté et de l'egalité, lui accordées par sa naissance. Recevez des plus profonds remercîmens pour votre arrêté du 14. Brumaire dernier. Regardant la nouvelle organisation trop longtemps, citoyens représentants, nous avons souffert par le nom des habitants conquis. Nos coeurs, animés par la gloire immortelle de la nation franÔø‡aise, ont eu des sentiments plus dignes, des sentiments libres et faits pour jouir avec les FranÔø‡ais du nom de frère de l'homme reuni avec tous jours. Dignez-nous pour lors, citoyens représentants, dignez des habitants, dont leur coeurs sont bons, de cette réunion, et nos actions vous éprouveront toujours que nous avons merité; il y a longtemps le nom de vos concitoyens et frères.

unterzeichnet in Weidenbach (147 Einw.)
19 der damals 147 Einwohner haben nicht unterzeichnet.

Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780 - 1801, gesammelt und herausgegeben von Josef Hansen, vierter Band 1797 - 1801, Bonn 1938, S. 752

(Weidenbach gehörte zum Kanton Manderscheid, a. a. 0. S. 751)




Viez und Pfannkuchen für die Truppe

Das Ideal von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" kostete die Bürger von Immert zigtausende Taler
von Uwe Anhauser

Im Frühherbst 1792 wehrten französische Revolutionstruppen ein bis in die nordöstliche Champagne vorgedrungenes Bündnisheer der Preußen und Österreicher ab. Durch die legendäre "Kanonade von Valmy" errangen die Franzosen einen psychologischen Sieg, der so weitreichende wie tief greifende Veränderungen für ganz Europa mit sich brachte. Noch während die Unterlegenen durch den Argonnerwald, über die Maas und bis zur Mosel zurückflohen, begannen Frankreichs Truppen unverzüglich mit der Besetzung des gesamten linksrheinischen Großraums zwischen Zweibrücken, Speyer und Koblenz.

Johann Wolfgang Goethe, der als Kriegsberichterstatter im Dienst des Großherzogs Ernst August von Sachsen-Weimar das Kampfgeschehen bei Valmy beobachtet hatte, quittierte unmittelbar nach der Schlacht, am Abend des 20. September, die Niederlage seiner Liga mit einem sarkastischen Scherz: "lch hatte die Schar (der Offiziere) gewöhnlich mit kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen!" Zur selben Stunde proklamierte Frankreichs Feldherr, General Custine, seine populistische Parole: "Krieg den Palästen der Tyrannen und Frieden den Hütten der Gerechten!" Und im Lauf der folgenden Wochen zögerte er nicht einen Augenblick, diese harsche Forderung in konsequente Taten umzusetzen. So fegte Custine mit seinen republikanischen Armeen die typisch deutsche Kleinstaaterei im linksrheinischen Gebiet binnen weniger Wochen auf den "Kehrichthaufen der Geschichte".

Ein zweites Revolutionsheer der Franzosen sammelte sich im November 1792 bei Homburg an der Saar, um von dort nach Trier zu marschieren, wo die preußisch-österreichischen Truppen unterdessen biwakierten. Dieser Offensive folgte ein heftiger Gegenangriff; und an schließend wogten - mehr als anderthalb Jahre lang - ungezählte Scharmützel und offene Feldschlachten zwischen Lothringen, Luxemburg, der Rheinpfalz und dem Niederrhein hin und her. Am 12. August 1794 wurden schließlich die Österreicher aus dem Trierer Tal verjagt, und im Oktober desselben Jahres flüchteten bei Mainz die letzten preußischen Truppenteile auf das rechte Rheinufer zurück.

Die nunmehr angebrochene Ära der französischen Fremdherrschaft bescherte den Menschen an der Mosel und in den Mittelgebirgen umher nicht nur ihre heiß ersehnten Bürgerrechte, sondern auch eine unerwartete Vielzahl solcher Neuerungen, auf die sie lieber verzichtet hätten. Zwar wurden nominell alle Bürger die skandalösen Altlasten ihrer Abgaben, Fron und Verpflichtungen los, wodurch sie zuvor an die gebieterische Anmaßung diverser Duodezfürsten und Grundbesitzer gebunden waren - doch was jetzt die neuen Herren verlangten, war meist genauso unangenehm.

In seiner Geschichte der Mark Thalfang und des Haardtwaldes (1953) hob Heinrich Klein die wesentlichen Merkmale des revolutionären Systems hervor: "Unter der französischen Regierung fiel die drückende Leibeigenschaft, persönliche Freiheit und Freizügigkeit, Religions- und Gewerbefreiheit traten an ihre Stelle." Trotzdem ließen sich die misstrauischen Hunsrücker fast nirgends dazu hinreißen, Freiheitsbäume in den Dörfern aufzustellen und republikanische Feste zu feiern. - Vielmehr verspürten sie recht bald die gnadenlosen neuen Zwänge: "Mit tiefer Verbitterung fügte man sich in die Neuordnung. Französisch als Amtssprache, Franken-Währung, neuer Kalender, alle zehn Tage ein Feiertag statt Sonntag, Tür-, Fenster-, Mobiliar- und Personensteuer." Unter solchen Vorzeichen verhallten im neu geschaffenen Saar-Departement die wohltönenden Schlagworte von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ziemlich rasch.

Als besonders brutale Willkürakte wurden in allen Dörfern des Trierer Landes die massenhaften Einquartierungen französischer Soldaten erlebt. Die Ortsbürgermeister hatten jederzeit eine vollständige Versorgung der "Armeh" mit Verpflegung und Ausrüstungsgegenständen aller Art zu garantieren. Für das Jahr 1797 listete Georg Daniel Heimes, der Dorfschöffe von Immert, die von den 22 steuerpflichtigen Bürgern seiner Gemeinde erbrachten Lieferungen an die einquartierte Truppe auf: "Heu, Hafer, Stroh, Kartoffeln, Rindvieh, Schweine, Hämmel, Brot, Fleisch, Wein, Bier, Branntwein, Viez, Stiefel, Schuhe, Wollhemden, Papier, Siegellack, Oblaten, Schreibfedern, Tintenfässer, Stecknadeln, Zwirn, Seide, Seife, Federmesser, Wasch-Herde, Pferdestriegel, Bürsten, Feilen, Borax, Tabak, Puder, Pomade, Erbsen, Butter, Eier, Hühner, Spanferkel und Pfannkuchen." Einschließlich der so genannten Quartiergelder summierte sich der Gegenwert all dieser Lieferungen auf 21 803 Taler.

Heimes führte außerdem Buch über die von 1792 bis 1797 erbrachten Mengen an Viehfutter: 260 Zentner Hafer, 469 Zentner Heu sowie 283 Zentner Stroh. Im selben Zeitraum mussten die Immerter nicht weniger als 527 unentgeltliche Fuhrtransporte für die Besatzungsmacht nach Trier ableisten. Niemand von ihnen erhielt eine faire Chance, sich gegen die Zwangsmaßnahmenaufzulehnen - es sei denn, er hätte sich "freiwillig" zu den Soldaten rekrutieren lassen. Sehr viele junge Männer wählten diese Alternative, um der Verelendung zu entkommen.

Auch als in der Heimat die ärgsten Kriegshandlungen endlich vorüber und die Armeen unter dem neuen Machthaber Napoleon zum folgenschweren Eroberungskrieg gegen Russland ausgezogen waren (dabei tausende Eifeler und Hunsrücker), nahmen die Repressalien kein Ende. So resümierte und räsonierte Heinrich Klein: "Das Land war deutsch, aber die Verwaltung französisch. Gesetze von heute wurden morgen umgestoßen. War das die viel gerühmte Gleichheit, dass die französischen Herren in den Wäldern das Wild niederknallten, aber den Bauern, der sich aus Hunger ein Häslein mit der Schlinge fing, in Ketten legten?" Besonders gravierend griffen die Behörden in die regionalen Waldnutzungsrechte ein, wie sie überall seit dem Mittelalter gültig geblieben waren. Nun aber sollten die durch traditionelle Übereinkunft festgesetzten Entnahmemengen von Bau-, Brenn- und Geschirrholz "je nach Bedarf" durch die neue amtliche Klausel "selon la possibilité" - zur Nutzung "je hach Möglichkeit" - reglementiert werden. Doch der Unterschied zwischen "Bedarf" und "Möglichkeit" wirkte sich für die ländliche Bevölkerungsmehrheit der Kleinbauern und Tagelöhner existenziell bedrohlich aus. Denn die früher kostenfreie Nutzung von Laubspreu, Heide, Windbruch, Reisig und Dürrholz war nun nicht bloß meldepflichtig, sondern wurde überdies stark eingeschränkt. Dieser bedenkliche Wandel der Waldwirtschaft führte zu zähen Gerichtsverfahren und beschäftigte die Justiz noch lange über das Jahr 1815 hinaus, als preußische Beamte an Stelle französischer Funktionäre in den Amtsstuben Platz nahmen.

TrierischerVolksfreund Nr. 173
Wochenend 35 - Land & Leute
Samstag/Sonntag, 28./29. Juli 2001